Bildungsauftrag

Die etwa 150 jährige Geschichte des Mariengymnasiums mit seinen Vorstufen - welche Bezeichnungen sie auch trugen: »höhere Töchterschule«, »Schule für die weibliche Jugend höherer Stände«, »höhere Mädchenschule« von Ordensschwestern getragen - enthält einige ungebrochene Konstanten: da ist das Wort Schule als Teil der Namen in der Vergangenheit und die An- und Einbindung in die Ortskirche (Pfarrei »ad St. Antonium«), wie es in den Chroniken heißt. Da sind die Frauenpersönlichkeiten, die - in einer Zeit, da die weiterführende Ausbildung der Mädchen nicht allgemein als notwendig und nützlich anerkannt war - ihren Wert und den berechtigten Anspruch darauf sahen und sich dafür einsetzten.

Hinzu kommt, besonders nach dem 2. Weltkrieg, eine 4. Konstante: das engagierte Interesse des Altkreises Aschendorf-Hümmling und der Stadt Papenburg.

Damit ist das Beziehungsfeld genannt, in dem das Mariengymnasium steht und derjenigen Personen, die darin arbeiteten und dies noch tun.

Schule; mit diesem Begriff verknüpfen viele zunächst Wissensvermittlung, wie sie durch staatliche Richtlinien gefordert wird, die auch für öffentliche Schulen gelten. Selbstverständlich setzt dies neben entsprechender sachgemäßer Einrichtung, fachliche Ausbildung und stete Weiterbildung der Lehrkräfte voraus, damit ein gutes Leistungsniveau garantiert werden kann. Wissensvermittlung kommt also unserer Schule wie jeder anderen höheren Schule selbstverständlich zu. Unsere Schule sieht jedoch ihren Auftrag nicht erfüllt, wenn sie durch Anhäufung von Wissen und Wissensstoff lediglich auf ein Höchstmaß an Leistung abzielen würde, - das wäre, wie Augustinus sagt, «Schulweisheit ohne Herz« -, sondern ihr Auftrag bedeutet ein mutiges Beschreiten des Weges zur Welt des Geistes, der Kultur und des sittlichen Handelns. Dafür das Interesse zu wecken und so das Blickfeld der jungen Menschen zu erweitern, das bedeutet für uns Schule.

Orientierung und Orientierungshilfe möchte diese Schule geben. Wenngleich diese Werte heute Reiz- und Schlagworte sind, so bedeuten sie recht verstanden die Auseinandersetzung mit den Sinnfragen des Lebens, um den eigenen Standort mit seinen Aufgaben und seiner Ausrichtung zu finden und dadurch auch jenen der anderen zu erkennen, zu beobachten und zu fragen lernen, was wir dem anderen sind und schulden.

Diese Schule würde sich selbst aufgeben, wenn sie ihren Auftrag - den sie von Beginn ihres Bestehens zu erfüllen versuchte - vernachlässigt, eine katholische Schule zu sein. Getragen wird diese Aufgabe von katholischen Ordensschwestern in Zusammenarbeit mit Lehrpersonen, die nicht dem Orden angehören. Die Blickrichtung auf eine katholische Schule bedeutet jedoch nicht Konfessionalismus. Wie in der Vergangenheit finden auch heute andersgläubige junge Menschen, welcher Richtung innerhalb der Kirchen sie auch angehören, Aufnahme und Förderung wie ihre katholischen Mitschülerinnen, wenn sie den in der schuleigenen Verfassung dargelegten Bildungsauftrag akzeptieren.

Aus dem Anspruch des Christentums folgt für unsere Schule, in der Bildungs- und Erziehungsarbeit aufzuzeigen, wie ein Leben aus dem Glauben gestaltet werden kann, wie in sachgerechter und zeitgemäßer Auseinandersetzung mit der Botschaft Jesu Christi der personale Glaubensvollzug aus eigener Verantwortung und in Freiheit geschehen kann, wie der Mensch dem Anspruch des Mitmenschen nicht nur gerecht werden kann, sondern ihn in der Anforderung des Liebesgebotes Jesu Christi auch zu verwirklichen vermag, und zwar mit allen Fähigkeiten und Kräften seines Mensch- und Christseins.

Bei dieser Bildungs- und Erziehungsarbeit ist das Fach Religion, der Religionsunterricht, von besonderer Wichtigkeit! In unserer Schule ist es selbstverständlich, dass jede Schülerin am Religionsunterricht teilnimmt; daher belegt jede Oberstufenschülerin in jedem Semester einen Religionskurs. Darüber hinaus besteht für jede Schülerin die Möglichkeit, Schulgottesdienste mitzufeiern und an Besinnungstagen teilzunehmen.

Christentum bedeutet daher nicht zuletzt die Kenntnisnahme und Auseinandersetzung mit dem humanistischen Erbe Europas, dem Liberalismus und der Aufklärung. Es verpflichtet ebenso zum Studium des Marxismus und aller »Heilslehren«, die die heutige Zeit beeinflussen.

Die Bemühungen der Schule wollen weder die Eltern von ihrer erzieherischen Verantwortung entbinden, noch den Schülerinnen die notwendige Eigenauseinandersetzung und Bewährung abnehmen. Vielmehr sollen die Schülerinnen für die eigenen Entscheidung befähigt werden.

Deshalb versucht die Schule - auch im persönlichen Kontakt - Geist und Herz der Schülerinnen wachzuhalten für die Zeichen der Zeit und den Anspruch Gottes in ihrem Leben.

Diese Mädchenschule, die historisch gewachsen ist, hat sich bewährt und ihre Existenzberechtigung bewiesen. Sie wird in unserer pluralistischen Gesellschaft heute als Angebot des genannten Bildungsauftrages weitergeführt, das auch die verschiedensten Bevölkerungskreise in Anspruch nehmen.